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Dekorationsmaler

In der Kunstszene gibt es eine verächtlich gemeinte Aussage über den Maler: Der malt ja dekorativ!

Für mich ist das seltsam. Denn mein Beruf ist Dekorationsmaler. Es ist also Programm und Pflicht, Dekoration zu schaffen. Bin ich denn dadurch zu einem Mindermaler degradiert?

Lassen Sie mich einen kleinen und oberflächlichen und plakativen Rückblick wagen zu den Altvorderen meines Berufes. Die ersten Maler von denen wir Kunde haben, sind die Höhlenmaler, deren Kunstwerke wir in Spanien und Frankreich so gut dokumentiert sehen. Wir sehen diese wundervollen Grafiken (oder Malereien?), denen niemand je ernsthaft einen tiefempfunden Blick und einen starken künstlerischen Impuls abgesprochen hätte. Jedoch mit welcher Intention diese Bilder geschaffen wurden, das kann natürlich heute niemand mehr sagen. Wir unterstellen vielleicht magisch-rituelle Gründe oder die Freude am Schaffen an sich. Eine Absicht zu schmücken, also Wanddekoration zu schaffen wird eher nicht angenommen.

Der sesshafte Mensch als früher Landwirt in gehobener Lebenssituation zu Zeiten der Sumerer, Ägypter oder zu gleicher Zeit im asiatischen Raum hat viel ausführlichere Spuren in der Sache hinterlassen. Die wenigen Bilder (aber häufigen Skulpturen und Reliefs) zeigen uns neben den religiösen auch politische und soziale Absichten. Und Machtdemonstrationen. Und Statussymbole. Aber neben all dem scheint es bei der Fülle und Schönheit der Objekte kaum vorstellbar zu sein, dass nicht auch das dekorative Element der Kunstwerke den Menschen wichtig war.

Rom und der Anfang unserer Zeitrechnung. Es scheint als würde aus der Kunst das religiös-spirituelle richtiggehend verblassen. Als heutiger kultivierter Bildungsbürger neigen wir ja fast schon dazu, „Angeber“ zu rufen. Nur noch Prunk und Übermut und zur Schaustellung will uns scheinen. Aber wie ist das mit der Frage des Dekorativen? Nun heißt es nur noch: Unbedingt! Wir haben es mit Dekorationsmalerei zu tun. Und zwar in fast reiner Form.

Noch ein riesen Sprung: Über das Mittelalter hinweg (Die Malerei in dieser Spanne, am deutlichsten wird mir das in den Buchillustrationen der Scriptorien dieser Zeit, behauptete zwar gern, mönchisch und asketisch zu sein, aber die Bilderfülle sprach eine andere Sprache) springe ich zur Zeit der Renaissance in der in Italien die wunderschönen und lichten Werke hervorgebracht wurden, die ja in großen Teilen erhalten sind, im übrigen Europa seltsamerweise aber all die Düsternis der Breugels und Hieronymus Boschs mit ihren Höllenvisionen.

Michelangelo war selbstverständlich ein Dekorationsmaler. Sowohl die Auftragsabwicklung als auch die Unterordnung der Motive und Aufteilung der Flächen machen das in der italienischen Malerei offensichtlich. Der Maler war ein Dienstleister.

Im übrigen Europa war das aus unserer Sicht etwas schlechter zu erkennen. Das dekorative Element eines Breugels ist aus heutiger Sicht nicht recht einleuchtend. Aber bedenken wir, auch wir waren begeistert vom Film „Adams Familie“ und die zartesten Waldorfschüler von 12 Jahren spielen begeistert „Doom“  und meine eigene Ehefrau hat alle Folgen von „Dexter“ gesehen. Unerklärlich aber offenbar kein Widerspruch. Das Dunkle kann also sehr wohl auch dekorativ sein. Im weitesten Sinne.

Und, schon mal vorweg, gibt es auch eine Bildersehnsucht. In uns ist ein Bedürfnis nach Reizen, halt auch visuellen Reizen. Jenseits des Dekorativen.

So dümpelte die Sache bis im Jahre 1835 die Daguerreotypie entwickelt wurde. Kompliziert und Zeitraubend ging sie noch Hand in Hand mit der Malerei. Meine Kollegen damals waren noch nicht beunruhigt. Aber etwas änderte sich bereits. Vielleicht nicht wegen aber jedenfalls gleichzeitig mit den technischen Möglichkeiten: Bildersehnsucht und Dekorationswunsch fingen an sich zu separieren mit den immer rascheren Möglichkeiten der Vervielfältigung. Schleichend schon seit Gutenberg 1450.  Explosiv mit der Lithographie 1800.

Dann aber gab es eine Zäsur innerhalb weniger Jahre. Herr George Eastman machte 1890 das fotografieren für jedermann möglich als Erfinder und Gründer der Firma Kodak. Die Firma Heidelberger überschwemmte den Weltmarkt mit billigen und kleinen (na ja, relativ gesprochen jedenfalls)  Druckmaschinen die eine Springflut von Bildern herstellte und die Bildersehnsucht stillte.

Nicht absolut aber doch im Großen und Ganzen: Das rituelle in der Malerei war schon vor tausenden von Jahren gestorben. Das religiöse hat sich zunächst ins Ikonische und zuletzt in den Kitsch, also das seelisch unreife, verflüchtigt, und nun ging sogar die Bildersehnsucht den Malern verlustig. Was blieb denn nun?

Richtig: Der Dekorationswunsch.

Und (wohl auch mit der Sinnkrise durch Kodak) es wurde etwas Neues erfunden. Etwas, das heute so seltsam scheint, dass es kaum einmal thematisiert wird: Die Kunst wurde erfunden. Die Kunst als eigenes Kulturphänomen. Vordem gab es Objekte wie Bilder, Skulpturen, Parks und Architektur, die Eigenschaften wie schön bunt, sehr naturgetreu, angenehm schattig oder gut heizbar hatten und darüber hinaus das Herz ansprachen oder einfach wohlproportioniert und schön waren. Nun aber gab es Kunst als eigenständigen Begriff. Kunst brauchte keinen Träger. Es war nicht Etwas, aus dem etwas Anrührendes herausleuchtete sondern das Leuchten sollte und soll bis heute „nur so“ als künstlerisches Werk geschaffen werden.

Nun, das scheint mir gut und schlecht zugleich.

Es ist ja gut, dass wir die Kunst zu benennen gelernt haben und wir erkennen sie auch besser. Manchmal lachen wir über die Menschen, die Kunst in einem alten Lappen oder einen schiefen Stuhl sehen wollen oder einer Fettwanne. Aber gemach! Umgekehrt erkennen wir sehr wohl die Traurigkeit und Ödnis in Kunststofffenstern, in Plastikverpackungen, in Betonstraßen, in Bandansagen der Bahn und in all dem nichtinspirierten Auswürfen einer Industrie, die alles Musische ja sogar verachtet.

Und Schlecht ist: Die künstlerisch-musischen Impulse werden heute weniger zugelassen. Auch die „niedrigste“ Anfertigung, sei sie handwerklich oder industriell oder in den Ingenieurplanungen war bis zur  vorletzten Jahrhundertwende, vor der „Erfindung“ der Kunst Ausdruck des Gestaltungswillens oder hatte jedenfalls meist erkennbare Anteile davon. Der Malermeister des ausgehenden 19. Jahrhunderts hat den Raum nicht nur angestrichen. Er hat ihn gestaltet so gut er konnte. Er hat es gewollt und der Auftraggeber hat es erwartet. Vergleichen Sie das Ziegelbild an den Fassaden von damals und heute. Die Tischlerarbeit. Die Schmiedearbeiten. Die Pflasterarbeiten im Straßenbau. Brückenbau. Selbst die Toilettenhäuschen der Gründerzeit bringen das zum Ausdruck. Von uns Dekorationsmalern ganz zu schweigen.

Heute ist Kunst ein Nischenbegriff. Und kein selbstverständlicher Bestandteil jedes Handelns. Über Kunst darf amn nicht lachen. Den Kopf schütteln ja. Aber lachen: No!  Ein Scheitern in der Sache Kunst stößt heute auf Abscheu statt auf gelassenes Lächeln. Kunst ist eine isolierte und den Akademien überlassene Spezialität geworden.

So und in diesem Sinne denke ich als Dekorationsmaler. Ich freue mich, wenn ich ein gutes Handwerk liefern kann. Und ich freue mich, wenn es mir gelingt, etwas Kunst daraus hervorleuchten zu lassen.

„Reine“ Kunst aber ist mir so seltsam wie der Weihnachtsmann mir seltsam wurde, als ich darauf aufmerksam gemacht wurde, dass er nur eine Erfindung von Coca Cola ist. Mir ist ja immer noch feierlich. Ich bin nur ein klein wenig nachdenklich.

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